Reportage Sicherheit

„Meine Fußfessel ist meine Rolex.“

Im Gespräch mit Fußfesselträger Ilker Demirbag *Name geändert. Foto: Julia Dragosits

„Meine Fußfessel ist meine Rolex.“

„Meine Fußfessel ist meine Rolex.“

Reportage: Lisa Wölfl                           Fotos: Julia Dragosits

Im Gespräch mit Fußfesselträger Ilker Demirbag *Name geändert. Foto: Julia Dragosits

Im Gespräch mit Fußfesselträger Ilker Demirbag *Name geändert. Foto: Julia Dragosits

Die Fußfessel für Gefährder – das fordert die Regierung in ihrem neuesten Arbeitsprogramm. Ein Plan, der von Expertinnen und Experten kritisiert wurde. Doch wie lebt es sich überhaupt mit einer Fußfessel? 


Ilker Demirbag* ist ein vorbildlicher Fußfesselträger. Wie es ihm geht? „Sehr gut.“ Wie er die Fußfessel findet? „Super.“ Demirbag sitzt zurückgelehnt im Büro von Neustart-Leiter Nikolaus Tsekas. Sein Sozialarbeiter ist ebenfalls da. Die Haare sind an den Seiten kurz, den Rest hat Demirbag zurückgegelt. Der 29-Jährige trägt einen Drei-Tage-Bart und ein dunkles, langärmeliges Shirt. Die Fußfessel hat er unter den langen Hosenbeinen seiner Jeans versteckt. 
*Name geändert, der Redaktion bekannt

Was umgangssprachlich Fußfessel genannt wird, heißt eigentlich “elektronisch überwachter Hausarrest”. Das bedeutet, dass eine verurteilte Person ihre Haftstrafe nicht im Gefängnis verbüßen muss, sondern unter strengen Auflagen nach Hause darf. Sie wird mit einem Sender ausgestattet, der misst, wann sich die betroffene Person zu Hause befindet und wann sie abwesend ist. Für die Fußfessel berechtigt sind Personen, die sich in Untersuchungshaft befinden, deren Haftstrafe maximal zwölf Monate beträgt oder von der Strafe noch maximal zwölf Monate übrig sind. Die Fußfessel ist für viele Betroffene ein Übergang von Haft zur Freiheit.

So auch für Demirbag, der acht Monate lang im Gefängnis saß, bevor er in den elektronischen Hausarrest übergehen konnte. Wegen Drogenhandel wurde er zu zwei Jahren unbedingter Haft verurteilt. Er ist überzeugt davon, dass die alternative Haft ihn auf das Leben in der Freiheit vorbereitet. „Ich arbeite Teilzeit als Mechaniker. Der Chef wollte mir helfen, also hat er mich aufgenommen. Und er bereut es nicht.“ Demirbags Alltag ist schnell zusammengefasst: Arbeit, zu Hause sein, drei Mal im Monat darf er am Sonntag machen, was er möchte. Dann fährt er mit seiner langjährigen Freundin in die Therme Oberlaa. „Die Leute dort glauben, die Fußfessel ist der Kabinenschlüssel.“ Demirbag lächelt verschmitzt. Das macht er oft, wenn er Fragen absurd findet. Etwa bei der Frage, ob er neuen Bekanntschaften von der Fußfessel erzähle („Ich lerne keine neuen Leute kennen“) oder ob er sich von der Gesellschaft akzeptiert fühle („Keine Ahnung, ich zeige die Fußfessel nicht in der U-Bahn her und frage nach Meinungen.“) Die Fußfessel nimmt er mit Humor: „Die ist meine Rolex“, grinst Demirbag.

 

„Man schleppt das Gefängnis quasi rund um die Uhr mit sich herum.“ Nikolas Tsekas, Verein Neustart

 

Nikolas Tsekas sieht die Sache anders. Scham und Ausreden seien für viele Betroffene Alltag. Die meisten würden die Fußfessel verstecken. Tsekas ist Leiter des Vereins “Neustart”, der Menschen hilft, nach der Haft wieder ins normale Leben einzusteigen. Neustart macht Bewährungshilfe und begleitet Menschen im elektronisch überwachten Hausarrest. Die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter planen mit den Betroffenen die Arbeitszeiten und die Freizeit. Tsekas erklärt, dass die Fußfessel aus fachlicher Sicht keine Nachteile hat. Die Rückfallquote sei extrem gering, Tsekas spricht von ein bis drei Prozent. Für die Betroffenen kann der elektronisch überwachte Hausarrest allerdings eine enorme psychische Belastung sein, sagt Tsekas. „Man schleppt das Gefängnis quasi rund um die Uhr mit sich herum. Dazu kommt die ständige Sorge, man könnte sich verspäten.“

Im Gespräch mit Fußfesselträger Ilker Demirbag *Name geändert. Foto: Julia Dragosits

Im Gespräch mit Fußfesselträger Ilker Demirbag *Name geändert. Foto: Julia Dragosits

Am 1.3. 2017 leben in ganz Österreich 329 Menschen im elektronisch überwachten Hausarrest. Nur eine einzige Person verbringt zu dem Zeitpunkt ihre Untersuchungshaft mit Fußfessel. Dass die Zahl so niedrig ist, erklärt sich unter anderem durch die strengen Auflagen, die erfüllt werden müssen, damit der Antrag auf eine Fußfessel akzeptiert wird. Die betroffene Person muss eine geeignete Unterkunft im Inland haben, ein Einkommen, das den Lebensunterhalt finanziert und eine Beschäftigung im Ausmaß von zumindest 20 Stunden pro Woche. Die Beschäftigung muss nicht unbedingt Lohnarbeit sein. Die Pflege von Verwandten und ehrenamtliches Engagement zählt ebenso, solange der Lebensunterhalt gedeckt ist. Arbeitslosengeld oder Mindestsicherung gibt es für Fußfesselträgerinnen und –träger nicht. Wer es sich leisten kann, zahlt außerdem bis zu 22 Euro pro Tag für den elektronisch überwachten Hausarrest. Berechnet wird das „Leisten können“ nach dem persönlichen Vermögen. Neustart prüft die Anträge und gibt Empfehlungen für die Entscheidung ab. Im Jahr 2016 fielen 87 Prozent der Erhebungen positiv aus und elf Prozent negativ. Die restlichen Anträge wurden als „neutral“ bewertet.

Im Gespräch mit Fußfesselträger Ilker Demirbag *Name geändert. Foto: Julia Dragosits

Im Gespräch mit Fußfesselträger Ilker Demirbag *Name geändert. Foto: Julia Dragosits

Demirbag hatte Glück: Er fand über Bekannte schnell eine Arbeit als Mechaniker, seine Familie unterstützt ihn und seine Freundin stand während der schwierigen Zeit an seiner Seite. Mittlerweile wohnen sie zusammen. Das funktioniert nur, weil die Freundin schriftlich bestätigte, dass das für sie in Ordnung ist. Wenn die Fußfessel unten ist, wird das Paar erstmal auf Urlaub fahren. Schon im Mai könnte es soweit sein. „In die Heimat“, wie Demirbag sagt. Damit meint er die Türkei. Wie sich sein Leben verändern wird, sobald die Fußfessel Geschichte ist? „Es hat sich schon verändert.“ Aber es wird sich doch noch mehr verändern? „Ja, sicher.“ Demirbag ist kein Mann vieler Worte. Eine Sache betont er allerdings immer wieder: „Im Gefängnis träumst du nur. Mit der Fußfessel lernst du, draußen klarzukommen. Jeder sollte versuchen, die Fußfessel zu bekommen.“

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