Das Geschäft mit der Freiwilligkeit

© Photo by Steven Lewis on Unsplash
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Text & Recherche: Sarah Sobota

Je näher man dem Gelände der Freiwilligenmesse am Linzer Hauptplatz kommt, desto lauter wird es. Eine Bühne sorgt mithilfe von Lautsprechern für die entsprechende Atmosphäre, während sich Interessierte unter bunten Zelten zu „The Times They Are A-Changing“ oder indischen Klängen über Möglichkeiten der Hilfsarbeit informieren. Bloß ein Stand ist der internationalen Freiwilligenarbeit gewidmet, erkennbar durch die großen Poster von lachenden Kindern der verschiedensten ethnische Gruppierungen, die alle eine Botschaft vermitteln: Wenn du willst, kannst du die Welt verändern.

Wer sich mit den Ausstellern unterhält, die Freiwilligeneinsätze im Ausland anbieten, erfährt jedoch bald, dass es Zeit braucht, um die Welt zu retten. Mindestens sechs Monate gilt als Standard.. Um jedoch die Masse all jener  zu bedienen, die nicht nur einfach ein fremdes Land kennenlernen sondern dabei auch helfen und etwas verändern wollen, hat sich in den letzten zwanzig Jahren eine eigene Industrie gebildet: Voluntariatstourismus.

Tourismus mit Zweck

Voluntourism, wie das Phänomen im angloamerikanischen Raum heißt, bietet Kurzaufenthalte in sogenannte Dritte Welt Länder, in denen neben diversen touristischen Aktivitäten auch Entwicklungshilfe geleistet werden soll. In Aufenthalten von zwei bis vier Wochen arbeiten Freiwillige im Alter von 18 bis 25 gemeinnützig. Qualifikationen brauchen die Freiwilligen  keine. Die größte Hürde ist der Preis des Reiseanbieters: die meisten Angebote im deutschsprachigen Raum kosten zwischen 1000 und 3000 Euro.

Bereits 2008 schätzte man den ökonomischen Wert dieses Nischenmarktes des Tourismus auf rund 1,3 Milliarden US-Dollar. In diesem Jahr reisten etwa 1,6 Millionen Freiwillige aus Europa und Nordamerika in den Globalen Süden . Im Jahr 2011 sollen es schon etwa zehn Millionen VoluntärInnen gewesen sein. Die Zahlen lassen darauf schließen, dass die Umsätze im Bereich  der internationalen Freiwilligenarbeit mehrere Milliarden Euro pro Jahr ausmachen.

Entwicklungshilfe?

„Ich habe Voluntourismus einmal an Entwicklungshilfe orientierten Tourismus genannt“, sagt Sophia Mellmann, die an der Universität Wien zur Darstellung von Armut bei touristischen Organisationen forschte. „Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit sollten daran arbeiten, nachhaltig etwas an den Strukturen in den jeweiligen Ländern zu verändern.“ Einen Aufenthalt von zwei Wochen könne sie aber kaum Entwicklungshilfe nennen. „Dabei will ich nicht sagen, dass die Freiwilligen währenddessen niemandem helfen, sie leisten etwas für Einzelpersonen – strukturell wird jedoch nichts verändert.“

Besonders die fehlenden Regulierungen und Betreuungen der Freiwilligen machen den Voluntourismus zu einem zweischneidigen Schwert. Jugend eine Welt und die Partnerorganisation Weltwegweiser, die über Freiwilligenaufenthalte informieren möchte, erarbeiteten mithilfe mehrerer NGOs und Partnerprojekte einen Katalog mit Qualitätsstandards für Freiwilligeneinsätze, aus dem besonders die Wichtigkeit von Vorbereitung und Nachbereitung hervorgeht. Mittlerweile bieten viele Voluntariatsorganisationen nicht nur Sprachkurse und Vorbereitungsunterricht für die jeweiligen Zielländer und Betätigungsfelder an.

“Wenn wir über Einsätze kommunizieren, versuchen wir auch das Bild vom Hilfseinsatz aus den Köpfen der Leute zu bekommen.” sagt Bernhard Morawetz von Weltwegweiser dazu. “An einem sozialen Projekt mitarbeiten zu wollen, ist ein schönes Motiv, aber es muss klar sein, dass man nicht einfach dorthin kommt und als Weißer die Welt rettet.”

Genau dieses Bild wird jedoch häufig von touristischen Organisationen transportiert, oft ohne auch nur einen Unterschied zwischen den jeweiligen Zielstaaten zu machen. Dieses Bild spiegelt sich auch in Mellmanns Forschungsergebnissen wieder: “Eines der Ergebnisse meiner Arbeit war, dass diese Firmen Armut oft romantisieren und ganze Kontinente als hilflos darstellen. Es ist problematisch, wenn vermittelt wird, dass du ohne Qualifikationen in einem fremden Land arbeiten kannst und Armut zu einem konsumierbaren Produkt gemacht wird.”

Unkontrolliert und freiwillig

Eines der beliebtesten Betätigungsfelder von Freiwilligen ist, laut einer Erhebung von Weltwegweiser, auch 2017 die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, dicht gefolgt von pädagogischen Tätigkeiten. Eine Analyse von Brot für die Welt ergab, dass die wenigsten Reiseagenturen Sprachkenntnisse oder andere Referenzen verlangen, auch keinen Lebenslauf oder ein Motivationsschreiben Weniger als die Hälfte der in der Studie betrachteten Firmen verlangten ein polizeiliches Führungszeugnis.

© Bill Wegener via Unsplash.com

Weil Waisenhäuser einer der häufigsten Arbeitsplätze im Voluntariatsbereich sind, wird die Fahrlässigkeit bei der Kontrolle von Freiwilligen inzwischen auch von NGOs angeprangert. Sie  kritisieren, dass weder Kinderschutz gegeben ist, noch eine anständige Betreuung für die VoluntärInnen, die leicht überfordert sein können.

Auch die Dauer der Aufenthalte sieht Morawetz problematisch: „Ich würde niemandem empfehlen in einem Projekt mit Kindern mitzuarbeiten, wenn es nicht mindestens für drei Monate ist. Besser ist natürlich ein halbes Jahr.“ Der ständige  Wechsel der Bezugsperson sei schlecht für die Kinder. Bindungsstörungen und zusätzliche Verunsicherung der Kinder sind mögliche Folgen.

Nicht nur schwarz und weiß

„Dabei hätte das System ja auch durchaus Potenzial“, meint Karin Killer, Kinderpsychologin in Wien. „Bei entsprechender Betreuung durch die Hauptbezugspersonen, wie dem Fixpersonal der Einrichtungen, könnten durch VoluntärInnen Lernprozesse unterstützt werden und Bindungsstörungen entgegengewirkt werden.

Fest steht, dass kommerzielle Anbieter mittlerweile den Markt der internationalen Freiwilligeneinsätze dominieren, es allerdings auch vermehrt Bemühungen gibt, ihre Angebote qualitativ zu verbessern. In Deutschland gab es bereits erste Annäherungen zwischen NGOs und Reiseunternehmen um gemeinsame Qualitätsstandards zu erarbeiten und auch in Österreich wird versucht, kritische Aufklärung über Freiwilligenarbeit anzubieten.

Auf der Linzer Freiwilligenmesse bleiben die Reiseagenturen bisher aus und während auf der Bühne für den nächsten Act umgebaut wird, fragen eifrige Ex-Voluntärin von ihrem Stand voller Flyer aus: „Kann ich dir helfen?“

 

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