Einkaufen abseits der Konzerne

Das Interesse an Lebensmittelgemeinschaften in Wien steigt. In Foodcoops organisieren kleine Gruppen den direkten Einkauf von Lebensmittel selbst. Die Abhängigkeit von Konzernen sinkt, aber an einer Foodcoop teilzunehmen bedeutet auch viel Arbeit.

Text & Fotos: Tamara Artacker

Freitag Nachmittag in Ottakring. Die heruntergelassenen Jalousien dunkeln den Raum gegen die Sonne draußen ab. Vor den großen Fenstern des Ladenlokals zieht der Verkehr der Gablenzgasse vorbei. Drinnen sitzen eine Studentin, ein Pensionist, eine Pensionistin, eine Projektmanagerin und ein IT-Unternehmensberater an einem Tisch. „Wir miassadn mehr b’stelln. Wenn’s in die Hosn geht, muas das Radl trotzdem ins Rennen kumma.“ Die Diskussion dreht sich um Vieles: Wäre es sinnvoller, Eier in größeren Mengen zu bestellen? Hat Peter Produkte mitgenommen, die gar nicht ihm gehörten? An wem liegt es, sich zu beschweren, wenn die gelieferte Menge nicht der Bestellung entspricht?

Alle fünf sind Mitglieder der Foodcoop „Die Gabln“ und Teil der Lagergruppe. Das heißt, sie sind zuständig für die Übernahme der Lieferungen, für die Ordnung und den Überblick im Lager und für die Inventur. Aber sie sind in erster Linie auch KonsumentInnen der Produkte, so wie alle anderen Mitglieder der „Gabln“.

Als Gemeinschaft stellen sie den Kontakt zu kleinen, möglichst lokalen ProduzentInnen her, die biologisch wirtschaften. Kommt eine solche Kooperation zu Stande, bestellen die Mitglieder der Foodcoop das Gemüse, das Getreide, die Eier oder den Käse gemeinsam, die ProduzentInnen liefern dann meist ein Mal pro Woche direkt in das Lager der Foodcoop.

In den Kinderschuhen

Die Regale der „Gabln“ sind kaum gefüllt. Ein paar Flaschen Wein und Sirup, fünf Gläser Marillenmarmelade, ein Sack Nüsse, und Essiggurken – in einem kleineren Glas als eigentlich bestellt und daher noch verwaist. In Plastikkübeln warten Leinsamen, Roggen und Linsen auf ihre Entnahme. Am Tisch in der Mitte des Raumes dauert die Diskussion an. „Wir könnten uns doch die ProduzentInnen aufteilen, dann hat jede und jeder eine direkte Ansprechperson in der Foodcoop, die auch immer die Lieferung annimmt. Diese Person kann sich dann auch um etwaige Beschwerden kümmern“ schlägt die Pensionistin Hedwig ihren KollegInnen vor.

Die „Gabln“ sind eine der jüngsten Foodcoops in Wien. Erst vor drei Monaten haben sie das Ladenlokal in der Gablenzgasse bezogen, das ihnen als Lager und Treffpunkt dient. Viele Fragen sind noch offen, Abläufe noch nicht eingespielt, Lieferungen kommen bisher unregelmäßig und einiges muss noch ausdiskutiert werden.

Zum Beispiel die Frage, ob eine Lieferung nach Erhalt zur Kontrolle noch einmal gewogen werden soll. „Das kommt darauf an, welches Verhältnis wollen wir denn zu den ProduzentInnen haben?“, fragt Peter in die Runde. Der Pensionist beantwortet die Frage gleich selbst: „Wir sollen ja kooperativ zu ihnen sein und sie sollen kooperativ zu uns sein – da muss man auch Vertrauen haben und darf sich nicht wegen jeder Kleinigkeit beschweren.“

Die Kleinen unterstützen

Die anderen nicken. Einer der wichtigsten Gründe ihre Lebensmittel über eine Foodcoop zu organisieren, anstatt sie mit weniger Aufwand im Supermarkt zu kaufen, ist für sie alle, „die kleinen ProduzentInnen zu unterstützen.“ Denn sie teilen eine gewisse Unzufriedenheit mit der Art und Weise, wie Lebensmittel im großen Maßstab industriell produziert und über dominante Supermarktketten in den Händen weniger Großkonzerne vermarktet werden, während immer mehr Kleinbauern und Kleinbäuerinnen ihre Höfe aufgeben. müssen. Laut dem Grünen Bericht des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft schließen seit 2013 pro Jahr 1700 landwirtschaftliche Betriebe, während die übrigen Betriebe immer größer werden. Zusätzlich wird von der Saatgut- und Düngemittelproduktion bis hin zur Verarbeitung und zum Handel immer mehr von großen Konzernen kontrolliert.

„Die Supermärkte, die will ich nicht“, erklärt Peter. Und Hedwig schließt sich an: „Mir geht auf die Nerven, dass ein großer Teil meines Geldes an die Konzerne fließt.“ Aber Illusionen, dass Foodcoops größere Veränderungen in der Lebensmittelproduktion herbeiführen können, habe sie nicht. „Ich möchte mich einfach nicht daran beteiligen, sondern jene kleinbäuerlichen ProduzentInnen unterstützen, die kämpfen müssen und nicht Teil der Agrarindustrie sind. Da bin ich dann gerne bereit in der Foodcoop etwas mehr zu zahlen anstatt beim Merkur das Sonderangebot zu nehmen.“

Zeit und Geld

Eine finanzielle Entlastung ist der Einkauf über die Foodcoop für die Mitglieder nicht. Alle sind sich einig, dass sie für ihren Konsum über die „Gabln“ im Allgemeinen mehr bezahlen, als wenn sie ihre Lebensmittel aus dem Supermarkt beziehen würden. Durch die geringere produzierte Menge und die nachhaltige Anbauweise können die regionalen ProduzentInnen nicht mit den Preisen der großen Anbieter mithalten.

Aber nicht nur finanziell bedeutet die Mitgliedschaft in der Foodcoop einen größeren Aufwand, sondern auch zeitlich. Alle Mitglieder verpflichten sich, Aufgaben in einer der Arbeitsgruppen zu übernehmen. Gerechnet wird mit nicht mehr als fünf monatlichen Arbeitsstunden pro Person, sobald die „Gabln“ regulär funktionieren und gut eingespielt sind. In dieser Zeit kommunizieren die Mitglieder mit den ProduzentInnen, nehmen Lieferungen entgegen und an den monatlichen Plenumssitzungen teil. Während der Startphase, in der sie sich noch befinden, ist der Aufwand aufgrund der vielen Entscheidungsprozesse und organisatorischen Fragen jedoch noch um einiges größer.

Judith Ehlert, Entwicklungssoziologin an der Universität Wien, sieht in diesem Aspekt den wichtigsten Kritikpunkt, der an Foodcoops in ihrer aktuellen Form laut wird. „Es ist eine bestimmte Schicht, die die zeitlichen Ressourcen aufbringen kann, um sich selbst zu organisieren und an basisdemokratischen Entscheidungsprozessen teilzunehmen. Es ist doch noch ein recht klassenspezifisches Phänomen.“

Nicht nur “Hipster”

Im Treffen der Lagergruppe wird ein Mysterium der „Gabln“ der letzten Woche gelöst: Es stellt sich heraus, dass Peter tatsächlich Eier mitgenommen hat, die gar nicht er bestellt oder bezahlt hatte und die deswegen jemand anderem der Gemeinschaft nun fehlen – alles ein Missverständnis. Die Mitglieder der Lagergruppe lachen darüber, und nennen es ab jetzt die „Peter-Methode“. Der Fehler wird ganz einfach bei der nächsten Bestellung wieder ausgeglichen.

Verena packt aus ihrer Tasche Rhabarberkuchen im Tupperware aus – entsprechend ihrem Ernährungsstil 100 Prozent vegan, der Rhabarber aus ihrem eigenen Hochbeet. Sie bietet allen in der Runde ein Stück an, der Pensionist Peter lehnt ab: „Vegan? Na, sicher nicht.“ Er wird trotzdem überredet und schnell hat er das Kuchenstück aufgegessen. „War doch gar nicht so schlecht“, sagt er schmunzelnd.

Ehlert beobachtet, dass sich die Zusammensetzung der Mitglieder von Foodcoops verändert. „Vor einigen Jahren waren es hauptsächlich junge und studentische Mitglieder, aber Foodcoops werden immer diverser. Familien finden sich dort mittlerweile genauso wie PensionistInnen.“ Diese Entwicklung betont auch die Studentin Verena, die die Gründung der „Gabln“ angestoßen hat. „Am Anfang bestand unsere Gruppe aus vielen jungen Familien, die man heute als Hipster bezeichnen würde, Anfang bis Mitte 30, mit kleinem Kind, die Wert auf gesundes Essen legen. Dann haben wir auf der Online Plattform „frag nebenan“ ausgeschrieben, dass wir noch Mitglieder suchen und so kamen sehr unterschiedliche Menschen hinzu, die wir vorher nicht persönlich kannten, darunter einige PensionistInnen. Das finde ich sehr schön.“

Das Lager der Foodcoop “Die Gabln” in Wien Ottakring.

Die Nachfrage nach einer Mitgliedschaft in Foodcoops steigt auch insgesamt. Durchschnittlich bestehen die Gemeinschaften aus ungefähr 50 bis 70 Personen. Viele nehmen keine neuen Mitglieder mehr auf, weshalb sich vor allem in Wien regelmäßig neue Foodcoops bilden.

Widerstand!

Verschwendung vermeiden, die „Kleinen“ unterstützen, Brücken zwischen ProduzentInnen und KonsumentInnen schlagen, eigene Arbeit und das eigene Geld in Kanäle leiten, die alternativ zu den großen Konzernen stehen – das alles weist für die Entwicklungssoziologin Ehlert darauf hin, dass Foodcoops widerständig sind. Auch die Studentin Verena versteht ihre Teilhabe an der Foodcoop als aktivistisches Zeichen: „Natürlich wäre es für mich bequemer, in den Supermarkt an der Ecke zu gehen, wo zu jeder Zeit alles verfügbar ist. Aber die Bequemlichkeit trägt zu der Schieflage in unseren Strukturen bei. Ich möchte dagegen ein Zeichen setzen. Daher überwinde ich meinen inneren Schweinehund und beteilige mich an etwas, das ich für richtig halte.“

Dass Foodcoops alleine eine tiefere Veränderung in der Landwirtschaft  herbeiführen können, bezweifelt Ehlert. Dazu müsse die Bewegung viel breiter werden und sich mit anderen zusammenschließen.

Foodsoft

Während die Lagergruppe darüber diskutiert, ob auch Kaffee aus einer mexikanischen Kooperative über die Foodcoop bestellt werden soll, parkt vor dem Ladenfenster ein kleiner, weißer Lieferwagen. Heraus springt ein junger Mann, der aus dem Kofferraum eine Gemüsesteige hebt und sie zur Tür des Ladenlokals trägt. Hedwig und Verena nehmen ihm die volle Steige ab, bedanken sich und der Lieferant fährt weiter. Zwischen den Salatblättern liegt der Lieferschein.

Sowohl die Bestellungen als auch die Abrechnungen funktionieren über eine Software, die sogenannte Foodsoft. Hier kann jedes Foodcoop-Mitglied im eigenen Account sein Guthaben „aufladen“, indem die Geldsumme überwiesen wird. Alle Bestellungen, die das Mitglied in Folge tätigt, werden automatisch von diesem Guthaben abgebucht. Zum Beispiel 200 Gramm Linsen um 40 Cent, ein Häupel Salat um einen Euro und 70 Cent oder einen Kohlrabi um einen Euro und 40 Cent. Wenn die Mindestbestellmenge unter allen Mitgliedern erreicht ist, wird geliefert. Überschüsse werden so vermieden.

Die moderne Abwicklung über Smartphone oder Computer wird gerade für ältere Mitglieder manchmal aber auch zu einer Hürde. Eine von Hedwigs Freundinnen sei deshalb wieder abgesprungen.

Nachdem alle aktuellen Fragen der Lagergruppe ausdiskutiert sind, verabschieden sich alle. Nur Verena und Hedwig bleiben noch im Lager und widmen sich der neu gelieferten Gemüsesteige. Sie vergleichen den Lieferschein mit der tatsächlich vorhandenen Ware – und wiegen alles einzeln ab. Vertrauen ist zwar gut, aber Kontrolle soll helfen, die „Peter-Methode“ in Zukunft zu verhindern.

 

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