„Es geht hier nicht nur um die Bienen”

Der St. Valentiner Imker Roland Netter dokumentiert seit 2003 den Grund für seine Bienenverluste und konnte so nachweisen, dass Neonicotinoide schuld am Tod seiner Bienen waren. Anlässlich des Verbots der drei bienenschädlichen Pestizide erzählt er, wie er damit an die Öffentlichkeit gegangen ist.

Interview & Fotos: Rebekka Jaros

Wie haben Sie mit dem Imkern begonnen?

Mein Großvater hatte früher einmal Bienen. Damals habe ich mir gesagt, wenn ich einmal in Pension gehe, fange ich mit dem imkern an. Ich hatte keine Ahnung von den Bienen! Ich habe mir diesen Grund gekauft. Die ersten Bienenvölker haben noch nicht mir gehört, sondern einem Bekannten. Der hat mir zwei Stöcke hergestellt. Erst zur Pensionierung haben mir meine damaligen Arbeitskollegen meinen ersten eigenen Bienenstock geschenkt.

Wann war das Bienensterben für Sie zum ersten Mal ein Thema?

Das Bienensterben habe ich nur aus der Literatur gekannt. Ich habe 2008 von diesem Neonicotinoide-Skandal in Baden-Württemberg 2008 erfahren, bei dem die Firma Bayer zugegeben hat, dass da was passiert ist. Aber zu dem Zeitpunkt habe ich noch überhaupt keine Probleme gehabt. Bis 2009 hatte ich eigentlich nie Völkerverluste.

Sie haben am Projekt Melissa von Global 2000 teilgenommen, das die Ursachen für Bienenverluste untersucht. Haben Sie dadurch begonnen, den Tod Ihrer Bienen zu dokumentieren?

2003 bin ich bei einem bezirksweiten Imkertreffen gefragt worden, ob ich nicht bei einem Projekt zur Untersuchung zur Bienengesundheit und der Varroa-Milbe mitmachen möchte. Dadurch habe ich mit der Dokumentation begonnen. Am Projekt Melissa habe ich erst 2009 teilgenommen.

Wann habe Sie Ihre ersten Bienen verloren?

2009 – Ich habe damals Völker umgesiedelt. Als Imker muss man auf die Wabenbauerneuerung achten. Ich habe es mir immer einfach gemacht, die Völker auf neue Mittelwände gesetzt und die alten Waben eingeschmolzen.
Damals haben alle vier Völker, die ich umgesiedelt habe, gut ausgebaut, aber plötzlich waren sie tot. Die Ursache war mir unbekannt. Ich habe ein paar der toten Bienen eingeschickt und sie untersuchen lassen. Bei der Untersuchung wurde festgestellt, dass da Neonicotinoide drinnen waren. Und das in einer Größenordnung, die sogar über den Durchschnittswerten in Baden-Württemberg lag.

Haben Sie die „Neonics“ schon unter Verdacht gehabt, bevor Sie Ihre Proben eingeschickt hatten?

Eigentlich nicht direkt. Ich habe damit ja noch keine Erfahrung gehabt. Die Varroa -Milbe hat es ja nicht sein können, die habe ich ja immer ausgezählt.

Leider habe ich bis 2011 keine regelmäßigen Varroa-Auswertungen gemacht. Erst 2012 habe ich wieder angefangen, weil ich zeigen wollte, dass die Behauptungen von der Landwirtschaft und von Bayer schlichtweg sind falsch sind.

Wie haben Sie reagiert, als Sie herausgefunden haben, dass die Neonics eigentlich schuld waren am Tod Ihrer Bienen?

Ich habe Jahresberichte geschrieben und diese ins Internet gestellt oder ausgeschickt. Das ist natürlich in Imkerkreisen herumgegeistert und weitergeschickt worden, bis ich irgendwann von einem Bekannten angerufen und gefragt worden bin, ob ich nicht bei der Aktionärsversammlung der Imker in Köln reden möchte. Also bin ich nach Deutschland gefahren und habe dort eine Rede gegen Bayer gehalten.

Wie ist es danach weitergegangen?

Ich habe begonnen, Jahresberichte zu schreiben, die sich schnell verbreitet haben. Durch meine Aktivitäten bin ich vom Erwerbsimkerbundpräsidenten entdeckt worden und habe durch ihn öfter an Pressekonferenzen von Global 2000 teilgenommen.

Einmal bin ich auch zum Landwirtschaftsausschuss im Nationalrat eingeladen worden. Jemand vom Das war eigentlich ganz lustig. Da hat es plötzlich Schwarz gegen Schwarz geheißen. Ich als ÖVPler gegen die ÖVP.

Hat es auch Situationen gegeben, wo Sie mit Leuten mit gegensätzlichen Meinungen in Kontakt gekommen sind?

Konfrontationen gab es genug. 2012 zum Beispiel, nachdem ich meine ersten Ergebnisse bekommen habe, haben ich eine Zusammenkunft mit einigen Bauern organisiert. Ich wollte ja aufklären. Unter anderem war auch Verantwortlicher für den Pflanzenschutz von der niederösterreichischen Landwirtschaftskammer auf der Veranstaltung. Nach dem Vortrag hat er zu mir persönlich noch gesagt: „Herr Netter, ich hätte mir nicht gedacht, dass das so ist.“. Drei Wochen später hat er in der Landwirtschaftszeitung schon wieder ganz anders geschrieben.

Haben Sie nach dem ersten Teilverbot der bienenschädlichsten Neonicotinoide Veränderungen bemerkt?

Nach 2013 ist es besser geworden. Derzeit betrifft das Verbot ja zusätzlich die Zuckerrüben. Die sind damals weiter behandelt worden. Damals ist argumentiert worden, dass Zuckerrüben nicht blühen und die Bienen somit nicht in Kontakt mit den Pestiziden kommen würden, was natürlich ein Blödsinn ist. Die Bienen sammeln ja das Oberflächenwasser wegen der Mineralstoffe. Ich habe damals Wasserproben untersucht. Und wie man in meinen Aufzeichnungen sehen kann waren die verbotenen Neonics auch im Wasser.

Haben Sie vor, weiterhin aktiv bleiben werden?

Ja, das Thema ist noch nicht erledigt. Manche Neonics sind noch immer in Verwendung. Da stößt man halt doch noch auf viel Widerstand. Obwohl hier im Umland seit 2013 keine intensiven Beizmittel mehr verwendet werden – und keine einzige Staude ist umgefallen!

Was würden Sie sich in Zukunft für Ihre Bienen wünschen?

Es geht hier nicht nur um die Bienen. Es geht um Insekten und die Umwelt im Allgemeinen. Bienen sind eigentlich ein guter Indikator für die Umweltsituation, weil wir Imker eben da sind und darauf schauen. Aber wer schaut auf die anderen Insekten?

Vielen Dank für das Gespräch!

 

 

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