„Gebt uns eine Chance und die Gesellschaft wird besser werden.“

Yousof al-Khazraji musste aufgrund der politischen Situation aus seinem Heimatland Irak fliehen. In Österreich will er Fuß fassen. Ein Gespräch über Optimismus in schlechten Zeiten und über Menschen, die zu Geflüchteten werden.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen: Michaela Mathis

Wer ist Yousuf al-Khazraji?

Eigentlich bin ich ein Politiker und Medienmacher aus Bagdad. Und jetzt auch ein Flüchtling.

 

Warum musstest du fliehen?

Ich musste Bagdad verlassen, weil ich einer der fünf Führer der Opposition, der Irakisch Kommunistischen Partei war. Ich bin außerdem ein Säkulärer doch unsere Regierung ist muslimisch. Es erfolgten zwei Anschläge auf mich. Sie wollten mich auf Grund der Dinge, die ich über unsere Regierung und unseren Präsidenten sagte, umbringen. Ich musste fliehen, um mein Leben zu retten. Mein Bruder und ich nahmen ein Auto und fuhren in den Norden Iraks. Von dort weiter über die Türkei nach Europa. Zehn Tage später befanden wie uns an einem besseren Ort, in Wien, wieder. Das ist die Geschichte ¬¬ es war eigentlich nicht sehr schwer.

Wie konnte es soweit kommen?

Im Nahen Osten ist es schwierig zu einem älteren Menschen oder eine Autoritätsperson, „nein“ zu sagen. Was denkst du passiert, wenn du „nein“ zu einem Präsidenten sagst? Angefangen hat alles mit der Beteiligung an einem Zivilaufstand für Frauen und ihre Freiheit im Nahen Osten. Darauf wollte ich mich weiter für Veränderungen im System, dem Regime und der Regierung einsetzen. Ich habe mich dazu entschlossen ein Oppositionsführer zu werden und eine Oppositionspartei aufgebaut. Wir setzten uns gegen den Radikalismus, die Diktatur und die Bürokratie ein. Jugendliche müssen frei sein und junge Menschen müssen sagen und tun dürfen, was sie wollen. Besonders schwierig ist die Situation für Frauen und junge Mädchen.

Verfolgst du die Geschehnisse im Irak weiterhin?

Da ich nun ein Flüchtling bin, kann ich kein Politiker mehr sein, aber ich habe noch immer viel Kontakt in den Irak und versuche meine Leute weiterhin zu unterstützen. Ich habe eine NGO gegründet, um den jungen Leuten, Mädchen und Jungen, so gut es geht zu helfen. Ich übermittle ihnen Informationen über das Weltgeschehen und unterstütze einige Politiker dabei, in das Parlament zu kommen. Bei den letzten Wahlen verwaltete ich Kampagnen von 45 Kandidaten.

Wirst du jemals zurückgehen?

Wenn du mich heute fragst, denke ich nicht. Erstens, weil ich seit kurzem Vater bin und ein besseres Leben für mein Baby will. Sie hat das Recht auf ein besseres Leben. Außerdem würden sie mich bereits am Flughafen schnappen und mich vor das Gericht bringen. Dort würden sie mich als einen Terroristen bezeichnen und zum Tode verurteilen.

Bist du wütend?

Die Dinge, die mir passiert sind, passierten auf Grund meines Verhaltens, weil ich zu Dingen, die mir falsch vorkommen, „nein“ sage. Ich bedaure daher nichts, ich bin nicht wütend. Ein Großteil der irakischen Bevölkerung ist wütend, aber Wut ist nicht die Lösung. Eines meiner Ziele im Leben ist, für eine richtige Regierung in meinem Land zu sorgen.

Wie lebst du derzeit in Österreich?

Ich komme von einem Leben voller Arbeit, denn ich hatte drei Jobs. Ich hatte ein Monatsgehalt von 3700 Euro. Heute darf ich nicht mehr arbeiten und muss mit 365 Euro im Monat auskommen. Das ist sehr hart für mich. Ich verbringe in erster Linie Zeit mit meiner Familie. Außerdem konzentriere ich mich darauf gutes Deutsch zu lernen und ich möchte weitere Kurse in den Sprachen Französisch, Englisch und Russisch belegen. Ich spreche diese Sprachen bereits, doch benötige ich Zeugnisse, um meinen Lebenslauf zu unterstützen.

Was sind deine größten Probleme in Österreich?

Ich habe meine Schwierigkeiten mit den bürokratischen Hürden der Österreichischen Regierung. Ich hatte bereits mein zweites Interview über die Geschehnisse im Irak und darüber warum ich fliehen musste. Ich habe Beweise davon, was passiert ist. Nun aber warte ich wieder auf eine Antwort, wer weiß wie lange das noch dauern wird. Zurückgehen kann ich nicht. Sollte ich die Chance bekommen hier bleiben zu können, werde ich mir sofort einen Job suchen. So oder so werde ich einen Weg finden.

Hast du Kontakt zu Österreichern?

Ich habe bereits viele Freunde in Österreich. Ich lerne gerne neue Leute kenne und gehe zu vielen Events in Wien. Mein Deutsch konnte ich auch schon anwenden. Gerade gestern habe ich einem Österreicher den Weg nach Liesing erklärt.


© Tamás Künsztler

Was magst du an Österreich und was weniger?

Ich mag die Österreicher. Ich erkenne einen Unterschied zwischen den Wienern und jenen aus anderen Städten Österreichs. Wiener sind sehr engagiert und von ihrer Arbeit abgelenkt. Das ist kein Problem. Nur könnten sie vielleicht mehr vom Leben haben, wenn sie auch einmal ins Schwimmbad oder an die Donau gehen würden. Die Leute hier haben großen Respekt vor ihren Familien, genau wie wir im Osten. Ich sehe viele nette Familien, das beeindruckt mich. Zudem mag ich es, dass in Österreich so viele Menschen aus verschiedenen Ländern leben. Österreich muss mit all den verschiedenen Kulturen und Religionen umgehen. Die Bürger handhaben das teilweise besser als die Regierung. Ich finde es wichtig, dass die Regierung ein Ziel verfolgt, dass sie ein besseres Österreich haben wollen. Sie wollen Wien helfen, eine bessere Stadt zu werden, sie kennen nur den Weg dahin noch nicht. Sie sprechen davon, dass Österreich kein muslimischer Staat werden soll, dass sie nicht radikal werden wollen, aber die Regierung selbst handelt derzeit radikal. Sie lehnen sich zu sehr auf den rechten Flügel. Ich selbst komme aus einem arabischen Land und wurde in einer arabischen Familie erzogen, dennoch bin ich frei und meine Frau ist frei. Wir können gemeinsam überall hingehen, sie kann sich kleiden wie sie möchte und wir trinken beide Alkohol. Gebt den freien eine Chance ihren Job zu machen, und die Regierung, und die Gesellschaft, wird besser werden. Unser Leben wird einfacher werden.

Was denkst du über die Medien in Österreich, insbesondere über die Berichterstattung über den Irak?

Im Irak gibt es keine österreichischen Reporter. Woher sollen sie ihre Informationen bekommen? Meine Idee wäre, mehr Webseiten und Facebook-Seiten auf Englisch zu produzieren. Insbesondere in einem Land mit so vielen Einwanderern muss es mehr Kanäle in verschiedenen Sprachen geben. In Deutschland gibt es die „Deutsche Welle“. Sie berichten auf Englisch, Arabisch und Persisch, somit werden sie auch den Iran erreichen. Österreicher hat den Mittleren Osten noch nicht erreicht, obwohl sie 100.000 Flüchtlinge haben und davon viele aus dem Irak, Syrien, Palästina, Ägypten oder dem Sudan. Ich vermisse ein internationales Media-Center in Wien, um Informationen besser austauschen zu können, um Wien noch globaler zu machen.

Was denkst du über die Politik in Österreich?

Den Wahlausgang der letzten Wahlen habe ich kommen sehen. Die SPÖ konnte in den letzten zwei Jahren nichts mehr verändern, sie ist zu alt. Bitte, wenn wir in der Opposition einen jungen Kandidaten haben, genauso wie Sebastian Kurz jemanden ist, müssen wir auch einen jungen Kandidaten aufstellen, denn die Wähler werden sich für ihn entscheiden. Sie wollten Kurz nicht, aber sie haben ihn gewählt, weil sie Kern nicht wollten. Die SPÖ muss etwas ändern, ansonsten wird Kurz wiedergewinnen. Die freien, demokratischen Menschen müssen ihre Arbeit machen.

Würdest du selbst in der österreichischen Politik aktiv werden wollen?

Ja, ich würde gerne an der Politik teilnehmen, nur muss ich dank Kurz und Co nun statt 5 Jahre, 10 Jahre auf eine Staatsbürgerschaft warten. Sollte das jemals soweit kommen, würde ich Teil von Sebastian Kurz‘ Partei werden wollen, weil er jung ist. Ich kann in der SPÖ oder der FPÖ nichts bewirken, aber ich kann mit jungen Menschen umgehen. Ich möchte ins Parlament, das war mein Traum im Irak und das würde ich wieder versuchen.

Was bedeutet “Zuhause” für dich?

In meiner Vorstellung gibt es einen Unterschied zwischen einem Zuhause und dem Heimatland. Zuhause ist der Ort an dem ich mit meiner Familie sicher leben kann. Meine Heimat wird nach 1000 Jahren immer noch Bagdad sein.

Wenn du drei Wünsche frei hättest, welche wären sie?

Ich glaube nicht an Wünsche, sondern daran selbst die Dinge in die Hand zu nehmen. Aber wenn du es so haben möchtest, dann wünsche ich meiner Familie ein besseres Leben und bessere Chancen. Ich möchte meinem Kind alles ermöglichen können und es aufwachsen sehen. Außerdem wünsche ich mir mein Land zurück, wie in den alten Zeiten. Wir hatten gute Tage zuvor.

Vielen Dank für das Gespräch.

Hintergrund
Am 12. Mai 2018 fand die Wahl zum Repräsentantenrat im Irak statt. Es war die zweite Wahl seit dem Abzug der US-amerikanischen Truppen Ende 2011 und die erste seit der Rückeroberung weiter Teile des Staatsgebietes von der Terrororganisation Islamischer Staat bis Ende 2017. Mehr als drei Jahre dauerte es, den IS zu besiegen und es ist noch immer nicht das Ende der Dschihadisten im Irak. Der IS bleibt eine stete Bedrohung. Die im Irak weitverbreitete Korruption war im Wahlkampf ein wichtiges Thema. Sie trug entscheidend dazu bei, dass viele Iraker der Abstimmung fernblieben und die Beteiligung auf ein historisches Tief von 44,5 Prozent sank. Wahlsieger ist der schiitische Geistliche Muqtada al-Sadr. Jener hat darauf ein Bündnis mit dem zweitplatzierten früheren Milizenführer Hadi al-Amiri angekündigt. Ein solcher Pakt galt vor dem Votum als ausgeschlossen. Die soziale Lage ist prekär: eine Million Kinder leben auf der Straße und gehen nicht zur Schule, Städte verfallen und die Sicherheitslage ist schlecht.

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