„Hoffnung gehört zum Geschäftsmodell des Christentums“

Kirchenfenster
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Zwischen Beschwichtigung und prophetischem Experimentieren: Gleichgeschlechtliche Segnungen in der evangelischen und katholischen Kirche in Österreich.

Text & Recherche: Tino Schlench

Die Hände lose gefaltet, den Blick in die Ferne gerichtet. Nachdenklich und ein wenig verschlossen wirkt der junge Mann, dessen Portrait einer besonderen Broschüre der evangelischen Kirche ein Gesicht gibt. Sie trägt den Titel „Seelsorge für Homosexuelle“ und verschafft einen ersten Überblick über das Verhältnis der lutherischen und reformierten Kirche zum Thema Homosexualität. Neben glücklichen Paaren, wie man sie sonst von Werbeanzeigen für Partnerbörsen kennt, zeigt die Broschüre Auszüge aus kirchlichen Beschlüssen, die das Recht „homosexuell geprägter Menschen“ auf Verständnis und Akzeptanz betonen. Zudem macht sie auf das Seelsorge-Angebot der evangelischen Kirche aufmerksam.

Eine dieser Seelsorge-Beauftragten ist Gerda Pfandl, hauptamtlich Pfarrerin der evangelischen Hochschulgemeinde in Wien. Ihr Engagement für die LGBT-Community betrachtet sie als Herzensangelegenheit. Ein respektvoller Umgang mit Schwulen und Lesben war nicht immer selbstverständlich. Noch vor wenigen Jahren habe man sich einem Kollegen gegenüber so ungeheuerlich verhalten, dass dieser den Dienst quittiert habe, erzählt Pflandl. Doch die evangelische Kirche sei eine Kirche „semper reformanda“, die sich fortwährend reformieren und ihre Inhalte kritisch hinterfragen müsse. Stolz verweist sie auf eine Urkunde, die ihre Gemeinde als „akzeptierend und offen für alle Lebensformen“ ausweist.

Schon seit über 16 Jahren arbeitet Gerda Pfandl nebenamtliche als Seelsorgerin für Schwule und Lesben. Die Nähe zu einem therapeutischen Angebot sei offensichtlich, ebenso klar seien jedoch auch die Unterschiede. „Oft gebe ich ganz konkrete Vorschläge, was bei bestimmten therapeutischen Methoden nicht der Fall ist. Ich bringe meine eigene Lebenserfahrung und Meinung mit ein, versuche aber nicht, in eine bestimmte Richtung zu manipulieren.“

Sehr häufig wird ihre Hilfe als Seelsorgerin für Homosexuelle jedoch nicht in Anspruch genommen. In diesem Bereich hat sie nur etwa zwölf Gespräche pro Jahr. Ernsthafte Konflikte zwischen christlichem Glauben und der sexuellen Orientierung kommen gerade in der protestantischen Kirche selten vor. Fühlen sich die Betroffenen in ihren Gemeinden nicht wohl oder machen Erfahrungen mit Homophobie, erfolgt im Regelfall ein Kirchenaustritt. Kommt jedoch jemand zu ihr, überwiegen Beziehungsfragen: Liebesprobleme, Schwierigkeiten mit der eigenen Community. Bei Paaren gibt es häufig Fragen zur kirchlichen Segnung.

„Bevor es die eingetragene Partnerschaft gab – also vor 2010 – gab es diese Anfrage noch viel häufiger. Heute nimmt das eher ab. Aber das ist auch bei heterosexuellen Paaren der Fall.“ Die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare ist als eine „Segnung im seelsorgerischen Rahmen“ ausgewiesen. Sie kann, muss aber nicht im Gemeindebrief oder im Gottesdienst öffentlich angekündigt werden. Pfandl nennt das eine Beschwichtigungsformulierung. Denn die lutherische Kirche konnte sich – anders als die reformierte evangelische Kirche – bis heute nicht dazu durchringen, ganz offiziell Position zu beziehen. Doch im kommenden Jahr wird dies der Fall sein müssen. „Die Grundlage für eine evangelische Trauung ist die standesamtliche Hochzeit. Und diese wird ab 2019 für gleichgeschlechtliche Paare in Österreich möglich sein.“ Doch bereits heute müssen die Segnungen im seelsorgerischen Rahmen nicht unbedingt anders verlaufen als die offiziellen, auch wenn es natürlich einen rechtlichen Unterschied gebe. Denn als Pfarrerin habe sie das Recht, den seelsorgerischen Rahmen selbst zu bestimmen: „Und wenn meiner die Kirche ist, dann ist das eben die Kirche. Ich handle so, wie ich es für richtig empfinde.“

Möglich werden solche Freiheiten durch die ausgeprägte Gemeindeautonomie innerhalb der protestantischen Kirche. Diese erlaube es aber ebenso, die Segnung eines gleichgeschlechtlichen Paares abzulehnen. „Jeder Christ und jede Christin entscheidet nach ihrem eigenen Gewissen“, erklärt Pfandl. Gerade im ländlichen Bereich, vor allem in Oberösterreich und in der Steiermark, gibt es viele konservative, teilweise fundamentalistisch ausgerichtete Gemeinden, deren Haltung der offiziellen Meinung der lutherischen Kirche oftmals widerspricht.

Wie offen oder konservativ eine Gemeinde letztendlich ist, habe meist weniger mit der Theologie als mit persönlichen Befindlichkeiten und regionalen Traditionen zu tun, erklärt Gregor Jansen. Der katholische Pfarrer ist seit einigen Jahren so etwas wie ein inoffizieller Beauftragter der Erzdiözese Wien zum Thema Homosexualität und Kirche. Denn einen offiziellen Ansprechpartner gibt es nicht. In vielen Belangen erinnere der Zugang der katholischen Kirche zum Thema Homosexualität an die ehemalige Politik des „Don’t ask, don’t tell!“ im US-amerikanischen Militär, so Jansen. Vieles sei möglich, so lange man nicht darüber spricht. Viele Kirchenmitglieder leben mehr oder weniger offen in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft, doch werde dies im Regelfall nicht groß thematisiert.

Die Politik des Verschweigens gilt auch für gleichgeschlechtliche Segnungen. „Es wird gemacht. Nicht unbedingt im Geheimen, aber eben auch nicht offiziell“, erzählt Jansen. Negative Konsequenzen für die Beteiligten stellen dabei eine Ausnahme dar. Er kennt jedoch Fälle aus Deutschland und der Schweiz, bei denen disziplinarische Maßnahmen erfolgten. Für Jansen steht fest, dass es neue Standards braucht: “Homosexuelle Partnerschaften mögen anders aussehen als heterosexuelle, doch sind sie auf gleiche Weise anerkennenswert.” Eine allgemeine Eheöffnung in absehbarer Zukunft halte er dagegen für unrealistisch.

„Man könnte das als Doppelmoral und verlogen bezeichnen. Das ist es bis zu einem gewissen Grad vermutlich auch. Aber vielleicht ist es auch ein Hinweis auf eine Entwicklung.” Ein Aufbruch liege in der Luft, der sich bisher nicht auf die offizielle Lehre übertrage. Doch der „prophetische Ungehorsam“ und das „heilige Experimentieren“ einzelner Geistlicher sei notwendig, um auf lange Sicht Veränderungen innerhalb der Kirche herbeizuführen. „Ich bin Optimist. Hoffnung gehört zum Geschäftsmodell des Christentums dazu.“

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