Kolumne*: Johannes Gress

Wien, 4. Bezirk, Innenstadtnähe. 100 Meter geradeaus: Billa. 200 Meter links: Spar. 150 Meter rechts: Hofer. Bäckereien, Konditoreien, et cetera nicht mit eingerechnet, befinden sich  im Umkreis von 500 Metern meiner Wohnung sieben Supermärkte. Zum offenen Markt sind es zu Fuß acht Minuten. Die gute Nachricht: Ich werde in absehbarer Zeit wahrscheinlich nicht verhungern. Die schlechte Nachricht: Andere schon.

Bananen im Supermarkt
Bild: pixabay.com/CC0

Je nach Definition entstand in unseren Breitengraden zwischen 1500 und 1750  ein Wirtschaftssystem namens Kapitalismus. Und – relativ unbestritten – verhalf es uns zu unfassbarem Reichtum und Wohlstand. Ob und wenn ja, wie lange es das auch zukünftig tun wird, steht auf einem anderen Blatt. Sehen es die einen als “the one and only one – forever and ever”, ist es für die anderen nur Zwischenstufe auf dem Weg zu einer höheren Gesellschaftsform – oder wiederum für andere der Anfang vom Ende (der Menschheit). Egal, wo sich der oder die Einzelne in diesem gedanklichen Spektrum wiederfindet, ist die [tooltip tip=”Unter Allokation versteht man, dass sich der Ort eines Produkts (zB. Milch) ändert, damit er näher bei einer möglichen Kundschaft ist.”]Allokationsfunktion[/tooltip] dieses Produktionssystems doch ein wahres Wunderwerk: Wer Brötchen will, geht zur Bäckerin und bekommt Brötchen. Wer Tomaten will, geht zum Gemüsehändler und bekommt Tomaten. Wer Pasta will, geht zum Supermarkt und bekommt Pasta. Alles da. Einfach so. Wie von Zauberhand – trotz völliger Abwesenheit einer zentralen Steuerungsinstanz.

Über Altruismus und Lichtschwerter

Niemand bestimmt oder steuert aktiv und bewusst den Verlauf von Produktion, Vertrieb und Verkauf. Trotzdem ist immer alles an Ort und Stelle – Tomaten, Birnen, Mehl. Aber: Natürlich ist die treibende Kraft hinter dieser (scheinbar) perfekten Allokation von Gütern nicht Menschenfreundlichkeit und [tooltip tip=”Selbstlosigkeit, Nächstenliebe”]Altruismus[/tooltip]. Hinter der Herstellung, dem Handel und dem Vertrieb von Lebensmitteln stehen gewisse Interessen, zuallermeist in Form von Profit. Der Käse landet also nicht im Kühlregal, weil irgendjemand Freude daran hat, Kühe zu melken, das Erzeugnis anschließend weiterzuverarbeiten, quer durch’s Land zu kutschieren und mit höchster Sorgfalt – quasi als Ausdruck finaler Schaffensekstase – in einem dafür vorgesehenen Kühlgerät zu platzieren. Der Käse liegt im Kühlregal, weil jemand – in diesem Falle eine Käseproduzentin – Käse zum Preis x herstellen und um einen höheren weiterverkaufen kann. Dabei ist dieser Person in den meisten Fällen herzlich egal, ob es nun Käse ist, der Profit abwirft, Plüschtiere, Fahrradschlösser oder Lichtschwerter.

Und an dieser Stelle endet dann auch die Fabelwelt von Wunderwerk und Zauberhand. Auch wenn diese Erklärung im Mainstream der Wirtschaftswissenschaften lange üblich war (und in so manchen reaktionären Gesinnungskreisen wohl auch noch ein Weilchen üblich bleiben wird), profitiert eine Gesellschaft als Ganzes eben nicht davon, wenn jedes seiner Einzelteile einfach versucht für sich das Beste zu erreichen. Auf den Nenner gebracht ist eine Gesellschaft mehr als nur die Summe seiner Individuen.

„Supermarkt auf Rädern“

Was bedeutet das für den Vertrieb von Lebensmitteln? Dass Nahversorger und Supermärkte im 4. Wiener Bezirk, relativ nahe zur Innenstadt, wie Pilze aus dem Boden schießen, ergibt sich aus der Kaufkraft seiner Bewohnerinnen und Bewohner. Eine zahlungskräftige und -willige Konsumentinnenschaft zieht auch ein entsprechend umfangreiches Angebot nach sich. Ein Blick in einkommensschwächere Viertel und der Weg zum nächsten Nahversorger wird ungleich länger. In tendenziell strukturschwachen Ecken Deutschlands rollt mittlerweile ein Supermarkt auf Rädern von Dorf zu Dorf. Der „kleine Greißler vom Eck“ oder „der Bäcker von nebenan“ musste schon lange der großen Supermarktkette weichen. 

Noch einen Schritt abenteuerlicher wird es, wenn man einen Blick auf den globalen Süden wirft. Eine halbe Stunde zur nächsten Wasserstelle, eine Stunde zum Markt. Bei schlechter Ernte bleibt die Beilage aus – oder gleich die gesamte Mahlzeit. Während in Europa Fettleibigkeit und Diabetes Überhand nehmen, geht ein großer Teil dieser Welt jeden Tag hungrig zu Bett.

Preisstabilität vs. gesundheitliche Stabilität

Der Grund: Die eben beschriebene Allokationsfunktion hat eine grundlegende Bedingung. Der Anreiz zum Profit muss groß genug sein. Genau deswegen stehen im 4. Wiener Gemeindebezirk ziemlich viele Supermärkte, im 21. Bezirk schon deutlich weniger, in der niederbayerischen Peripherie kaum noch welche und im äthiopischen Hinterland gar keine. Genau deswegen schieben wir in den kapitalistischen Zentren tonnenweise Lebensmittel ins Meer, während Bewohnerinnen und Bewohner der Peripherie (global gesehen) wie die Fliegen verrecken – Preisstabilität gegen gesundheitliche Stabilität. 

Und so fabelhaft die Allokation von Gütern in manchen Teilen dieser Welt funktionieren mag – wie von einer unsichtbaren Hand gelenkt quasi – stirbt trotzdem alle fünf Sekunden ein Kind auf dieser Welt den Hungertod. Daraus kann nur zweierlei folgen: Entweder die vielbeschworene Zauberhand ist doch nicht so fabelhaft wie so frequent beschworen oder sie hat manche Menschen mehr und andere weniger lieb. Beides ist der Fall.

Verkürzt könnte man auch sagen: Die Zauberhand ist in manchen Erdteilen so gütig, weil sie in anderen ein ziemliches Arschloch ist – sein muss.

Billigprodukte auf Kosten von Mensch und Natur

Eine Milliarde Menschen sind derzeit permanent unterernährt, während wir tagtäglich ein Drittel aller genießbaren Nahrungsmittel unangetastet in den Müll werfen. Alleine in Wien wird jeden Tag so viel Brot entsorgt, wie in Graz, einer Stadt mit knapp 300.000 Einwohnern, insgesamt gegessen wird.

Auf der Suche nach Verwertbarem darf ein Wirtschaftssystem, das ohne permanentes Wachstum zu Grunde geht, auch vor der Lebensgrundlage ganzer Bevölkerungsgruppen keinen Halt machen. Dass sich einige Auserwählte prall gefüllter Regale erfreuen, mit 18 Variationen an Tomatenketchup und 14 Sorten Essig regelrecht die Qual der Wahl haben, hat auch eine Kehrseite – ökologischer und menschlicher Art. Bis die Bananen aus Chile, die Kiwi aus Neuseeland und der Kaffee aus Äthiopien in Europa über die Kasse gehen, wird viel Dünger versprüht, viel Wasser vergeudet, viel Boden zerstört und viel CO2 in die Luft geblasen. Dass die südamerikanische Banane, die ozeanische Kiwi oder der ostafrikanische Kaffee dann trotz Weltreise bei uns zum Spottpreis über die Theke wandern – diesen Preis zahlen andere.

Die Börse boomt. Der Landwirt stirbt.

Indische Landwirte zum Beispiel. Durchschnittlich alle acht Stunden nimmt sich einer von ihnen das Leben. Aus Verzweiflung, Überschuldung, Perspektivlosigkeit. Seit die Welthandelsorganisation Länder wie Indien zur Lockerung der Importzölle ermutigte, rasseln die Preise von Orangen, Baumwolle und Co. dort unaufhaltsam in den Keller. Das eigene Produkt ist seit der Öffnung für den Weltmarkt kaum mehr konkurrenzfähig, viele indische Bauern müssen seither mit umgerechnet weniger als einem Euro pro Tag für eine ganze Familie sorgen. Gleichzeitig glänzt Indiens Wirtschaft mit florierenden Zahlen, die ganze Welt blickt gebannt und in froher Erwartung auf die Industrie- und Softwarebranche des Landes. Zu dem Zeitpunkt als sich in der indischen Provinz Vidarbha innerhalb weniger Monate der 1000. Landwirt das Leben nahm, blickte das gesamte Land gespannt nach Mumbai. Die indische Börse knackte dort erstmals die 13.000 Punkte-Marke. 

Zwei Euro für jede EU-Kuh

Was derzeit global von statten geht ist ein Kuhhandel zweifacher Art. Einerseits mutiert Freiheit in unseren Breitengraden immer mehr zur bloßen Konsumfreiheit, der Freiheit gleich zwischen einer ganzen Palette an Produkten entscheiden zu dürfen. Die Freiheit, in eine sichere und planbare Zukunft blicken zu können, haben wir schon längst eingetauscht gegen die Freiheit am Supermarktregal, die Freiheit zwischen Knorr und Maggi, zwischen Ben & Jerry’s und Eskimo zu wählen. Mit stagnierenden Löhnen, beschnittenen Sozialleistungen, Mini-Jobs und befristeten Arbeitsverträgen und nicht zuletzt mit Einschränkungen der Personenfreizügigkeit reift im Herzen Europas eine Generation heran, die um Rechte bangen muss, die lange Zeit in Stein gemeißelt waren. Kaschiert werden diese Einschnitte durch die Freiheit des Konsums, Überziehungsrahmen inklusive.

Andererseits wird eben diese Konsumfreiheit teuer erkauft. Monetär, indem man beispielsweise die europäische Landwirtschaft mit rund 55 Milliarden Euro jährlich subventioniert – das sind 40 Prozent des EU-Gesamtbudgets. Auf einer ökologischen und menschlichen Ebene, indem man die Umwelt in vielen Bereichen regelmäßig an den Rand eines Kollaps bringt und Teile der Weltbevölkerung ihrer Existenzgrundlage beraubt. Während eine europäische Kuh mit zwei Euro pro Tag subventioniert wird, schuftet der indische Landwirt für weniger als einen Euro pro Tag, Hinduismus für Kapitalisten.

In Ghana und in vielen Teilen Westafrikas ist es mittlerweile günstiger, aus Italien importierte Tomaten als jene aus dem eigenen Land zu kaufen. Seitdem der europäische Markt – unterstützt durch Milliarden an Agrarsubventionen – nach Westafrika drängt, brechen dort die Preise für die eigenen landwirtschaftlichen Erträge ein. Mit den günstigen Produkten aus Europa verflog die eigene Existenzgrundlage, viele der westafrikanischen Landwirte machen sich deshalb auf in den Norden. Und arbeiten dort nicht selten als Erntehelfer auf Tomatenfeldern.


Woher habt ihr die Infos im Text? 
Alle verwendeten Quellen sind entweder im Text verlinkt oder hier aufgeführt:

BUCH Wolfgang Nentwig: Humanökologie: Fakten-Argumente-Ausblicke.
LINK Fakten zur Lebensmittelverschwendung

*Diese Kolumne erscheint in leicht veränderter Form auch im Online-Magazin hogn.de

 

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