Der Papst hat nicht viel Zeit. Ein Termin jagt den nächsten, er ist immer unterwegs, jettet um die Welt, predigt von Nächstenliebe und Friede. Oder empfängt Politikerinnen und Politiker im Vatikan. Alle die den Papst besuchen, nehmen ihm ein Geschenk mit. Manche sind seltsam: wie eine lebensgroße Statue von Franziskus selbst aus Schokolade, zwei Motorräder oder ein paar Kokablätter von Boliviens Präsident Evo Morales.

Von Van der Bellen hat der Papst einen Laib Brot aus dem Kaunertal bekommen. Etwas typisch Österreichisches, gleichzeitig ein christliches Symbol. Aber warum schenkt der österreichische Bundespräsident dem Oberhaupt der katholischen Kirche etwas zu essen? Der deutsche Philosoph Ferdinand Fellmann hat sich dazu Gedanken gemacht: Essen ist mehr als nur ein materieller Vorgang. Es ist symbolisch, kann ein Ritus sein, ein Bekenntnis.  Essen schafft Identität und Selbstverständnis.

In den 1950er Jahren reiste der Anthropologe Francis Huxley (Francis war der Neffe des Schriftstellers Aldous Huxley) nach Brasilien auf, um den Stamm der Urubu im Amazonasbecken zu erforschen. Mehr als sechs Monate lebte er unter ihnen und erforschte ihre Kultur.

Besonders freundlich erschienen die Urubu Francis Huxley wohl auch deshalb, weil sie zur Zeit seines Besuchs einer alten Tradition ihres Stammes schon lange abgeschworen hatten: Dem Kannibalismus. Die Urubu und viele andere kannibalistische Stämme glaubten, dass sie sich durch das Essen eines Menschen seine Kraft und Stärke aneignen konnten. Das Verspeisen von Menschenfleisch war nichts alltägliches, sondern ein höchst spiritueller Akt.

Philosoph Fellmann sieht hier entfernt Parallelen zum Christentum. Auch Christen nehmen Laib und Blut ihres Gottessohns in Form von Brot und Wein zu sich. Dieser spirituelle Ritus, ob er nun von Urubu oder Christen vollzogen wird, soll ausdrücken: Da gehöre ich dazu, das bin ich, das sind wir. Essen ist neben Kleidung und Sprache eines der wichtigsten Identifikationsmerkmale für Menschen. Was wir essen, wie wir es zubereiten, wo wir es bekommen, mit wem wir essen: All das schafft ein Gefühl von Zugehörigkeit oder auch Abgrenzung.

So macht es einen Unterschied ob in einer Speisekarte „Sahne“ oder „Schlagobers“, „Kren“ oder „Meerrettich“ steht. Bei den EU-Beitrittsverhandlungen in Brüssel hat die Österreichische Delegation eine Lange Liste von „Austriazismen“, Österreichischen Eigenheiten der Sprache, zusammengestellt. Ein großer Teil davon waren Begriffe aus der Küche: Eierschwammerl, Karfiol, Melanzani, Powidl, Grammeln, Topfen. Ein Erfolg der 60 Stunden dauernden Beitrittsverhandlungen für Österreich: „Jagatee“ darf nur in Österreich produziert werden.

Für die Krone war der Streit um den Jagatee auch 2007 noch nicht abgeschlossen.  Den Jagatee wolle man uns “Jagatee” wegnehmen, schrieb sie, weil Deutschland gerne “Jägertee” produzieren möchte.

Auch rund um die Marmelade kam es zum Zwist. Seit 1979 besagt ein Gesetz der EU, dass Marmelade nur aus Zitrusfrüchten bestehen darf. Sind andere Früchte darin, muss das Produkt Konfitüre heißen. Die österreichische Regierung forderte damals eine Ausnahmeregelung – und bekam sie. Kleinerzeugerinnen dürfen weiterhin Marmelade kochen, bei großen Produzenten darf sie nur aus Zitrusfrüchten bestehen.

Der Österreichische Historiker Roman Sandgruber sieht in den Reaktionen die Angst vor Identitätsverlust. Speisen wird sogar zugeschrieben einen ganzen Volkscharakter zu prägen. Die Schärfe vom Gulasch die Ungarn, das Fondue die Schweizer und die Knödel die Tschechen und so weiter. Was wir essen, ist mit einem Haufen Klischees verbunden. Vor allem Fleisch hat viele Bedeutungen. Fleisch essen symbolisiert Stärke und körperliche Überlegenheit. Gemüse-Essern werden diese Charakteristika eher nicht zugeschrieben.

Arten zu Essen sind heute mehr denn je ein Mittel sich und andere zu identifizieren. Vor allem, weil traditionelle Arten, wie Religion oder Familie, für immer mehr Menschen immer weniger wichtig werden.

Die Experten aus diesem Artikel wurden, wenn nicht anders angegeben, aus ihren wissenschaftlichen Publikationen des Sammelbands “Essen und kulturelle Identität – Europäische Perspektiven” zitiert.

 

 

 

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